Intervista a Sybille Kramer (Deutsche Version)

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Sybille Kramer as a chocolate eater
Zuhause habe ich eine große, dicke Rolle Packpapier stehen. Ich lege sie auf den Boden und beginne damit, sie aufzurollen… Symbole erscheinen – einige sind irgendwie entzifferbar, andere bleiben für mich geheimnisvoll – Tannen, Sterne, Tierchen. Es ist eine bunte Welt mit etwas Indien, Persien, Alpen, Mexiko, und mit Füchsen, mit untereinander verknüpften Gärten, mit Sternzeichen. Eine Art Welt in naiver Kunst für Kinder? Nein, würde ich meinen. Vielmehr ein Universum, erstellt auf neu überdachten Archetypen, das anregt über Ethik, Demokratie, über das Wohlgefühl auf der Welt zu sein, nachzudenken. Ich rolle weiter auf, da ist nun Sybille mit ihrem heiteren Gesicht. Ja, da gibt es einiges zu entdecken zwischen den Farben und Farbstiften von Sybille Kamer, die sich nicht umsonst als „Me as a map“ darstellt. Aber es gibt auch viel zum Lachen! und das habe ich erst einige Zeit später festgestellt, nachdem ich sie als Bloggerin kennengelernt hatte. Doch jetzt gebe ich das Wort direkt an sie. 

Setz dich und erzähle: Wer bist du? Was tust du?

Nun… ach, ich wusste es, es ist einfach zu schwierig zu sagen, wer ich bin… Sagen wir es so: Ich bin ein Flexagon, mit vielen verschiedenen Seiten, die man aufdecken und ansehen kann.
Was ich tue? Ich tue mein Bestes in den Dingen, die ich tue, und ich versuche stets vor allem jene Dinge zu tun, die mir Freude und Genuss bereiten: Die Freude ist heilig, so ungefähr lautet mein Leitfaden. Das hat im Laufe der Jahre dazu geführt, dass ich Entscheidungen traf, die in meiner Umwelt zu Unverständnis führten: früh zu heiraten, noch vor dem Alter von 25 Jahren zwei Kinder zu bekommen, die sichere Arbeitsstelle aufzugeben (ich arbeitete im Steueramt einer Gemeinde), mich ins Abenteuer einer selbstverwalteten Freien Montessorischule zu stürzen und schließlich zum Homeschooling überzugehen. Und weiter mit dem Einsatz in der Politik, sei es in Bürgerinitiativen wie auch in einer Partei, und dann die künstlerische Tätigkeit als Autodidaktin. Es ist eben so, dass ich eine Sache, die mir gefällt und die mir Freude bereitet und von der ich überzeugt bin, dass sie auch anderen zugute kommt, mit viel mehr Einsatz und Kreativität voranbringe als eine Sache, die ich aus reiner Pflicht erledige. Dann gelingt sie mir nämlich auch nicht recht, ist unbefriedigend sei es in der Ausführung als im Ergebnis. Diese meine Eigenschaft ist manchmal schwierig zu erklären, da wir in einer Welt leben, die die Überwindung, die Anstrengung, die Opferbereitschaft, den Verzicht lobt. Jedenfalls mache ich soviel wie möglich – zeichnen, unterrichten, erfinden, schreiben, gehen, zuhören, mich beteiligen – im Bewusstsein, dass die Möglichkeit diese Dinge zu tun ein Geschenk ist, das ausgekostet werden will, und das es einen Sinn hat, gewisse Fähigkeiten zu haben: daher sehe ich meine Aufgabe in diesem Leben darin, meinen Fähigkeiten nachzugehen, mein Bestes zu geben und es, wann immer möglich, in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.

Die Projektphase in deiner Arbeit ist sehr wichtig. Ich denke dabei an die Flexagone, an Me as a map, die unzähligen Details, die du einfügst, jedes mit einer Bedeutung innerhalb eines weiter umfassenden und gegliederten Rahmens. Wo bist du, wenn du diese Ideen hast? Entstehen diese Ideen sitzend oder in der Bewegung?

Sitzend, auf jeden Fall. Auch dann, wenn ich in Bewegung bin – während ich mit dem Zug reise, mit dem Hund spazieren gehe, im Wartesaal warte oder in einer langweiligen Sitzung bin: das sind Gelegenheiten, in denen mein Geist sich setzt und sich selbst und all die Dinge, die in den Träumen, den Begegnungen, den zufällig mitgehörten Worten gesammelt wurden, betrachtet, mit den Bruchstücken spielt und die Teile auf eine neue Weise zusammensetzt. Ich bin eine Person, die viel Raum und Zeit braucht um „nichts zu tun, nichts zu denken“, um eben all die Impulse zu verarbeiten, die aus meiner Umwelt kommen. Die Ideen entstehen daher quasi von selbst, automatisch, für mich ist es ähnlich wie ein Nachricht zu erhalten: din-don, du hast eine neue Idee!

Gehen wir zur Phase der Umsetzung über, also wenn du zeichnest und ausmalst. Ich weiß nicht weshalb, aber mir kommt es so vor, als würden die Buntstifte, die Art und Weise, wie du allen Raum auf dem Papier ausmalst und aufmerksam die Zusammenstellung wählst… all das, so glaube ich, setzt irgendwie das verspielte Kind in dir frei, das ich erst kürzlich wahrgenommen habe. Wie ist der Stuhl an deinem Arbeitsplatz, und vor allem, woran denkst du während dieser Tätigkeit?

Ja, das stimmt, ein wichtiger Teil meines Flexagons ist dem verspielten kleinen Mädchen in mir gewidmet.
Der Stuhl, auf dem ich sitze während ich zeichne, ist gemütlich, mit einem Kissen darauf, und gibt mir ausreichend Gelegenheit, immer wieder die Position zu wechseln (wobei ich ehrlich gesagt nie “ordentlich” sitze), ein angenehmer und freier Stuhl sozusagen. Ich denke eigentlich nicht wirklich, während ich zeichne, im Gegenteil: das ist für mich der Moment, wo ich geistig gesehen in eine andere Ebene eintrete, eine meditative Ebene, dem Gebet ähnlich, wo die Gedanken, die mit der realen Welt zu tun haben, überwunden werden… eine Art Atemstillstand des Bewusstseins.

Der Stuhl der Homeschooling-Mutter hat dich zu einer bekannten und geschätzten Bloggerin gemacht. Während der Stuhl der Lehrperson asymmetrisch ist gegenüber den Stühlen der Lernenden (ein einziger, größerer Stuhl), befindet man sich im Hausunterricht eher auf derselben Ebene mit den Kindern: man lernt und entdeckt gemeinsam, und die Beziehung Erwachsene-Kind erhält eine neue Perspektive. Soweit ich weiß, arbeitest du an einem Buch über diese Erfahrung…

Homeschooling so wie ich es verstehe ist ein Stuhl oder besser gesagt ein Sofa, das auf einem fliegenden Teppich steht: man setzt sich, spricht das Zauberwort und dann kann alles geschehen, ein richtiges Abenteuer… und dieser Genuss, gemeinsam zu fliegen, der ist unbezahlbar!
Ja, ich wurde öfter darauf angesprochen, die wichtigsten Erfahrungen zusammenzufassen und anderen zur Verfügung zu stellen. Im Sommer habe ich mit der Arbeit an diesem Handbuch begonnen und hoffe, nächstes Jahr damit fertig zu sein.
Vorstellung des AI-Posters “Nobelpreisträgerinnen”

Aus der Perspektive der Politik gesehen ist der Stuhl die pure Darstellung der Macht; in einer sozusagen gesunden Politik hingegen wählt die Demokratie unter allen Stühlen einige Vertreter aus. Erzählst du uns über deinen politischen Einsatz? Wie verhält sich deine Kunst dazu?

In meiner Vorstellung von gesunder Politik ist die Tatsache, unter allen Stühlen einige Vertreter zu wählen, nur die Hälfte: die andere Hälfte ist jene der Souveränität aller Stühle. Stühle, die gemeinsam ihre Vorstellungen umzusetzen versuchen, ihre Vorschläge einbringen, zusammen entscheiden, in welche Richtung es gehen soll. In anderen Worten, ich bin fasziniert vom Modell der Schweizer Demokratie, welches die direkte und die repräsentative Demokratie als die beiden grundlegenden Elemente einer vollwertigen Demokratie zusammenfügt.
Hier hat mein politischer Einsatz begonnen: Von einer eher gleichgültigen Jugendlichen in Dingen Politik und Parteien zu einer jungen Mutter, die sich in Bürgerinitiativen und im Aufbau einer Bürgerliste wiederfand, um dann zu begreifen, dass allem voran eine Systemänderung notwendig ist – alle 5 Jahre zu wählen und gezwungen zu sein, nahehin alles an die politische Vertretung zu delegieren, ist nicht Demokratie. Seit 14 Jahren bin ich Mitglied der Initiative für mehr Demokratie Südtirol, einem Verein, der sich auf verschiedenen Ebenen um die Demokratie kümmert: Bildung, Kultur, konkrete Vorschläge über Volksabstimmung und Volksbegehren. Von hier dann erfolgte der Sprung in die Parteipolitik, da ich dort engagierte Leute kennengelernt hatte und neugierig geworden war. 2003 wurde ich Mitglied bei den Linksdemokraten, wo ich auch Erfahrungen im Landesausschuss und im Gemeinderat gemacht habe. Dann der Aufbau der Demokratischen Partei PD in Italien und Südtirol: ich war Gründungsmitglied und dann Mitglied der nationalen Versammlung, bin derzeit Mitglied der Landesversammlung; ich war auch für kurze Zeit Vize-Landessekretärin (aber aus Zeitgründen und wegen anderer Prioritäten habe ich mich dafür nicht mehr zur Verfügung gestellt – zuhause wartete der fliegende Teppich auf mich!) und habe 2008 für die Landtags- und die Parlamentswahlen kandidiert.

Wie ich schon vorher andeutete, so fließen auch diese Erfahrungen – die Begegnungen, die Diskussionen, die Überlegungen – in meine Zeichnungen und Kunstprojekte ein, z. B. bei „WC doors for democracy“. Diese Projekt entstand durch die Überlegung, dass man nicht nur in Parteisitzungen oder vor den Fernsehnachrichten über Demokratie nachdenken soll. Darum die Poster mit der Frage „Was würde die Demokratie tun?“, die vorwiegend an die Innentüren von Toiletten gehängt werden.

Andere Zeichnungen hingegen bildeten schon öfter die Grundlage für Plakate oder Einladungen, vor allem imBereich von direktdemokratischen Initiativen sowie für weitere mir wichtige Projekte und Inhalte.
Il progetto My own Money

Stühle als Unterstützung, zum Anlehnen oder als Startpunkt. Wer sind deine Lehrer, welche sind deine Gewissheiten? Ich stelle diese Frage vor allem im Hinblick auf die Ausarbeitung der Symbole, die für deine Arbeiten und deinen Stil so typisch sind.

Ich mag die indigene Kunst gerne, auch die Werke der HöhlenmalerInnen, ebenso Künstler und Künstlerinnen des Expressionismus, Kubismus und weiterer –ismen, vor allem mag ich Zeichnungen von Kindern sehr gerne, bevor sie (leider oft) an einem Punkt kommen wo sie behaupten: “Aber ich kann ja gar nicht zeichnen”.
Das Wort „Lehrer“ jedoch passt mir gar nicht, da fällt mir der Spruch ein „Wenn du den Buddha triffst, töte ihn“. Gewissheiten gibt es nicht außer jene, meiner Lust aufs Erzählen, aufs Erfinden zu folgen und einen Weg zu suchen, die Welt ein bißchen schöner, besser zu machen, beim Mitgestalten zu helfen, soweit ich die Möglichkeit dazu erhalte, und meinem „inneren Kind“ zu folgen.
dettaglio della Mappa del Paradiso

Jetzt sind wir bei den verrückten Fragen angelangt… ich weiß, du konntest das kaum erwarten. Als Darstellung, wenn du eine Sitzgelegenheit wärst, was wärst du dann – ein Stuhl, ein Sessel, ein Hocker, ein Sofa oder ein Liegestuhl?

Da muss ich keinen Augenblick darüber nachdenken: ein Sofa! Symbol für das Ausruhen, das Genießen, ein Platz für die wichtigen Dinge: essen, schlafen, spielen, lieben, lesen, erzählen, zeichnen, lachen, Revolutionen planen. Und es ist auch ausreichend Platz darauf für die Kinder, den Hund, die Nachbarin…
Siehst du dich eher als Stuhl, auf den andere sich setzen können, oder bist du selbst auf der Suche nach einem Stuhl?

Ich bin selbst auf der Suche nach einem Stuhl, auch wenn ich weiß, dass ich diesen Stuhl niemals finden werde. Die Sehnsucht danach und das Gefühl für das, was richtig ist, sind der Motor, um weiterzugehen und weiterzusuchen, auch wenn der Weg steil und womöglich etwas gefährlich wird. Das ist die wahre Natur der Utopie: jener Richtung zu folgen im Bewusstsein, dass man nie am Ziel ankommen wird, und dabei die Gewissheit zu haben, dass es doch die einzige Richtung ist, der man folgen muss, weil es eben so und nicht anders richtig ist. Dieser Gedanke liegt auch meinem „Logo“ zugrunde, einem Fuchs, der einem Stern folgt.

Bist du im Laufe deines Lebens manchmal Menschen begegnet, die für dich Stühle waren?

Glücklicherweise ja, sogar öfter, und ich hoffe, das wird weiterhin geschehen. Es handelte sich immer um Überraschungsstühle, die plötzlich hinter der Ecke hervorlugten, immer dann, wenn ich am wenigsten damit rechnete und sie am meisten brauchte. Immer am richtigen Ort und zur richtigen Zeit, so dass ich mich schon oft als privilegiert empfunden habe (andere nennen es „Schicksal“; ich werde jedenfalls nie aufhören, mich dafür zu bedanken).

Schenkst du uns einen Stuhl aus deinem Leben?

Ich schenke euch ein Flexagon voller Stühle!

Info:

> My art diary 

> Buntmond 

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